Du fürchtest mich nicht, Pentheus.
Du fürchtest nur das, was ich in dir sichtbar mache.
Du nennst mich fremd, weil du glaubst, dich selbst zu kennen. Du nennst mich
Wahnsinn, damit du dich Vernunft nennen kannst. Du nennst mich Chaos, damit
deine Ordnung einen Namen hat.
Aber hast du nie bemerkt, dass jedes Licht nur leuchtet, weil es Schatten gibt?
Was wäre Ordnung ohne das Ungeordnete? Was wäre Reinheit ohne das, was sie
ausschließt? Was wäre Normalität, gäbe es nichts, das sie als unnormal
bezeichnen könnte?
Du baust Mauern und glaubst, sie schützten deine Welt. Doch in Wahrheit
erschaffen sie erst das Fremde. Hinter jeder Mauer entsteht ein Außen. Mit jedem
Verbot schenkst du dem Verbotenen Macht.
Du glaubst, mich aus deiner Stadt verbannen zu können.
Doch ich bin kein Mann, den man vor die Tore setzt.
Ich bin das Lachen, das in einer stillen Kirche plötzlich laut wird. Ich bin die
Träne, die der Starke nicht zeigen darf. Ich bin der Tanz in den Beinen dessen, der
gelernt hat, still zu stehen. Ich bin die Sehnsucht nach Freiheit in jedem Herzen,
das sich selbst eingesperrt hat.
Du kannst mich verleugnen.
Aber du kannst mich nicht auslöschen.
Denn ich bin nicht außerhalb deiner Ordnung.
Ich bin ihre Grenze.
Und jede Grenze beweist, dass dahinter noch etwas existiert.
Du glaubst, die Menschen müssten gleich sein, damit Frieden herrscht.
Doch Gleichheit ohne Unterschied ist keine Gemeinschaft – sie ist Stille.
Eine Stille, in der niemand mehr fragt. Niemand mehr träumt. Niemand mehr lebt.
Das Leben wächst nicht in geraden Linien.
Es wächst wie Wein.
Wild.
Rankend.
Unberechenbar.
Es sucht Risse im Stein, weil kein Stein ewig hält.
Ihr nennt mich gefährlich.
Dabei bin ich nur der Teil des Menschen, den ihr vergessen wolltet.
Der Teil, der tanzt.
Der liebt.
Der trauert.
Der lacht, obwohl niemand einen Grund dafür sieht.
Der weint, obwohl alle sagen: »Reiß dich zusammen.«
Ihr nennt diesen Teil Wahnsinn.
Ich nenne ihn Mensch.
Und je verzweifelter ihr versucht, ihn zu unterdrücken, desto heftiger wird er
zurückkehren.
Nicht, weil ich Rache suche, sondern weil alles, was lebt, sich seinen Platz nimmt.
Ich komme nicht, um eure Ordnung zu vernichten.
Ich komme, um sie vollständig zu machen.
Denn eine Welt, die nur Vernunft kennt, verliert ihre Seele.
Eine Welt, die nur Kontrolle kennt, vergisst das Staunen.
Und eine Welt, die das Fremde vertreibt, vertreibt am Ende sich selbst.
Darum kämpfst du nicht gegen mich, Pentheus.
Du kämpfst gegen den Teil deiner selbst, der frei sein will.
Und kein König hat jemals einen Krieg gegen sein eigenes Herz gewonnen.
Original von Euripides, neu interpretiert und vorgetragen von Nina Kartak